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Projekt Moses Brandes

Als Vater sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feierte, schenkte ihm die Gemeinde zwei silberne Obstschalen, oder besser gesagt, Aufsätze auf einen Tisch, die man mit Obst füllen sollte. Vater hatte gar nicht gewußt, daß es so was gäbe. Niemand aus der Gemeinde hatte es gewußt, aber man hatte sie ihnen aufgeschwatzt in der Stadt, als etwas "sehr Feines", und er wollte doch stets so fein sein. Um diesen Kauf für die Geldbeutel der verschiedenen Gemeindemitglieder nicht gar zu empfindlich zu machen, hatten sie die uralten hohen Eichen auf dem jüdischen Friedhof umhauen lassen und verkauft. Als der alte Lehrer hörte, daß man wegen dieser albernen, zu nichts nützen Tafelaufsätze die alten ehrwürdigen Eichen hatte fällen lassen, unter denen er von seines Lebens Mühen ausruhen wollte, ja, befohlen hatte, ihn darunter zu begraben, da raste der greise Mann wie ein Wilder: "Ich werfe ihnen ihre Geschenke ins Gesicht, samt dem Orden IV. Klasse", der ihm vom Landrat öffentlich überreicht werden sollte. "Mag sich der Kaiser Wilhelm seinen Hausknechtsorden zu seinen übrigen Reichtümern dazulegen, ich will ihn nicht, ich verweigere die Annahme", schrie hochrot vor Zorn mein Vater. Da hatte meine Mutter eine schwere Aufgabe, bis sie ihn soweit brachte, diese Dinge schweigend anzunehmen. Bei der Feierlichkeit selber, als der Landrat, der Kreisschulrat und der Provinzialrabbiner ihre Ansprache an ihn hielten, lag es wie eine bange Schwüle, wie eine Gewitterwolke über der Versammlung, denn der so Hochgeehrte trat von einem Fuß auf den anderen, er sah niemanden an, er tat, als langweile er sich, und als langweile ihn die ganze Feier; er blickte nur auf Gutfreund, der in einer Ecke stand, die Hand krampfhaft über das magere Kinn und den dünnen Mund gepreßt, als wollte er wie so oft sagen: "Mensch, Moses, du redest dich noch um Kopf und Kragen." Seine Augen ließen den Freund nicht. Der Landrat, dem der gequälte Gesichtsausdruck des Jubilars auffiel, wollte noch etwas Liebes, Persönliches sagen, er sprach von den zahlreichen Enkeln des alten Lehrers. Aber das gerade war ein wunder Punkt. Wohl hatte er einige Enkel, die er aber nie gesehen hatte, nie zu sehen wünschte. Seine Söhne hatten Christinnen geheiratet. Seine Töchter hatten nicht heiraten können, weil er ih­nen keine Mitgift geben konnte. Ingrimmig ballte mein Vater die Hand zur Faust, seine Augen sagten: "Sei still, ich will nichts mehr hören."


  
Als der alte Lehrer hörte, daß man wegen dieser albernen, zu nichts nützen Tafelaufsätze die alten ehrwürdigen Eichen hatte fällen lassen, unter denen er von seines Lebens Mühen ausruhen wollte, ja, befohlen hatte, ihn darunter zu begraben, da raste der greise Mann wie ein Wilder.
Daran erinnert sich seine Tochter in ihrem Beitrag "Fröhliche Kindheit im Dorf. Erlebnisse aus den Jahren 1880-1890 in Oberaula.
  
Jüdischer Friedhof Oberaula:
Auf der  schon vor 1700 angelegten Begräbnisstätte wurden auch die Verstorbenen aus den benachbarten jüdischen Gemeinden bestattet.