Belastete Schulzeit: Natürlich taten die Eltern alles Mögliche,
um ihre Kinder vor den Folgen der immer ungenierter um sich
greifenden Judenfeindschaft so gut es ging zu schützen. Doch
spätestens mit dem Eintritt in die Schule war das kaum mehr
möglich. Auch Alfred Strauss, der Ostern 1936 mit den
christlichen Kindern in Hünfeld eingeschult wurde, bekam als
Sechsjähriger die Ablehnung zu spüren. Außer ihm waren keine
jüdischen Kinder in der Klasse, und sein Lehrer war ein
ausgemachter Antisemit. Alfred kann sich zwar nicht an irgend
welche Handgreiflichkeiten erinnern, aber daran, dass ihn der
Lehrer vollkommen ignorierte. Er war auch sonst in der Klasse
total isoliert und wurde nicht beachtet. Ab September 1937 fuhr
Alfred täglich mit seiner älteren Schwester Milli (Emilie) per
Bahn nach Burghaun zur Schule. Als die Nazis begannen, die
jüdischen Kinder aus den christlichen Schulen zu drängen, hatte
man nämlich dort im Gebäude der früheren jüdischen
Volksschule eine Bezirksschule eingerichtet, die alle noch im
Kreis Hünfeld lebenden jüdischen Schulkinder besuchen
mussten. Den Unterricht erteilte Lehrer Hermann Adler. Alfred
Strauss kann sich noch gut an ihn erinnern. "Er kam nicht aus
dieser Gegend," meinte er. Herr Adler, der im Verlauf der
"Kristallnacht" im KZ Buchenwald inhaftiert und Mitte Januar
1939 wieder von dort entlassen worden war, erteilte danach
den wenigen Schülern im Kreis Hünfeld in ihren Elternhäusern
Schulunterricht. Die Bezirksschule in Burghaun war nämlich
während des Pogroms vom November 1938 vollkommen
verwüstet worden.
Leben unter dem Hakenkreuz bis zur "Kristallnacht"