Der äußere Hergang der Ereignisse in Hünfeld ist dem amtlichen
Polizeibericht des Gendarmerie Postenbezirks II, Hünfeld, vom 12.
November 1938 wörtlich wie folgt zu entnehmen:
Betrifft: Vorkommnisse Politischer Art in den Tagen 9. bis 10.11.38
Am 9.11.1938 habe ich mich nach der Gedenkfeier im Gesellenhaus anläßlich der am 9.11.
1923 Gefallenen zum Streifen- und Verkehrsdienst in die Stadt begeben.
Anlaß war ein Funkspruch, der besagte, daß Verstärkung durch mot. Gend. in Fulda
eintreffen würde. Weiter war zu befürchten, daß die in anderen Städten bereits
vorgekommenen Ausschreitungen gegen Juden auch hier vorkommen würden.
Bei meinem Dienstbeginn um 21 ¼ Uhr begab ich mich zuerst nach der Synagoge. Dort
stellte ich fest, daß die Fenster fast sämtlich eingeworfen waren. Von dort wurde ich an das
Telephon im Rathaus gerufen. Hier erfuhr ich gelegentlich, daß in den Nachbarstädten die
Synagogen brennen. Da bei den hiesigen Gebäudeverhältnissen bei einem Brande der
Synagoge für die unmittelbar mit ihr zusammenhängende Scheune des Schmiedemeisters
Karl Henkel, die mit Heu und Stroh gefüllt ist, Gefahr bestand, weiter an der anderen Seite
in einem Gebäude in nur einem Abstand von etwa zwei Metern meines Wissens 12000
Zentner Brotgetreide lagerten, entschloß ich mich, mein besonderes Augenmerk der
Synagoge zuzuwenden. Ich habe mich daraufhin in der Nähe der Synagoge aufgehalten. Es
blieb dort alles ruhig.
Gegen 2 ½ Uhr habe ich dann mit dem Nachtwächter eine Streife durch die Stadt
unternommen. Dabei stellten wir fest, daß am Wohnhaus des Juden Israel Weinberg,
Brunnenstraße, sämtliche Fenster eingeworfen waren. Täter waren nicht zu ermitteln.
Gegen 4 Uhr kam der Gend. Inspektor Kommandant von Burghaun mit den Gend. Hauptw.
A., D., und D. zurück. Anschließend bin ich dann mit dem Gend. Inspektor Kommand. und
dem Gend. Hauptw. D. nach Rasdorf gefahren. Gegen 5 Uhr trafen wir wieder in Hünfeld
ein. Auch um diese Zeit war es in Hünfeld ruhig. Da um 5 Uhr nach dem zu Anfang
genannten Fernspruch die Streifentätigkeit der mot. Gend. beendet sein sollte, habe ich
mich dann zu Bett begeben, zumal in Hünfeld alles ruhig war.
Am 10.11.1938 um 8 Uhr wurde mir durch den Gend. Inspektor Kommand. in Hünfeld
mitgeteilt, daß die Synagoge brenne. Ich begab mich sofort nach der Brandstelle. Dort stand
bei meinem Eintreffen um etwa 8 ¼ Uhr der Dachstuhl und die gesamte Inneneinrichtung in
Flammen.
Ich habe dort den Verkehr geregelt und mit den Ermittlungen des Brandes begonnen. Die
Ermittlungen führten zu keinem Ergebnis. In der Zwischenzeit waren von Angehörigen der
SA und Partei bei der Ortspolizeibehörde die Juden: Julius Nußbaum, Israel Weinberg,
Josef Strauß, Mayer Bimstein (richtig: Bienstein, d.V.) und Würzburger eingeliefert
worden.
Diese habe ich dann zu ihrem eigenen Schutze gem. § 15 PVG in dem Polizeigewahrsam
untergebracht, da zu befürchten war, daß sie sonst mißhandelt wurden.
Die Brandlegung in der Synagoge sowie die Beschädigungen des Hauses des Weinberg ist
m. E. auf die in der Bevölkerung vorhandene Erregung über den Mord an einem Mitglied
der Deutschen Botschaft in Paris durch einen Juden zurückzuführen.
Weitere Ausschreitungen sind in Hünfeld nicht vorgekommen.
Auf Befragen nach Waffen gab der Jude Nußbaum an, daß er im Besitz eines Revolvers
sei. Den genauen Lageort der Waffe konnte er nicht angeben. Am 11. 11. 1938 habe ich
die Ehefrau des Nußbaum ersucht, nach dem Revolver zu suchen. Sie fand ihn in einem
sogenannten Sekretär. Ich habe die Waffe an mich genommen und füge sie mit der
Munition dem Bericht bei. Die Waffe war mit 5 Patronen geladen.
Von den oben genannten Juden sind der Würzburger und Strauß erkrankt. Würzburger
wurde in das Krankenhaus in Hünfeld auf Anordnung des Dr. med. R. eingeliefert.
Bei Strauß stellte der Amtsarzt fest, daß er nicht transportfähig sei. Die übrigen Juden
wurden mit Sammeltransport an die Staatspolizeistelle in Kassel abgeliefert.
Gend. Hauptw.
Anzumerken ist, dass zur Zeit des Brandes der Schuhmacher Meier Bienstein mit seiner
Frau Sophie im Gebäude der Synagoge wohnte und dass deren Wohnung samt
Einrichtung ebenfalls ein Raub der Flammen wurde.