Der Name Höflich
Im Mittelalter wurden Menschen in Europa nur
durch ihre Vornamen unterschieden. Als die
Bevölkerung zunahm und Vornamen allein nicht
mehr ausreichten, um Menschen eindeutig zu
identifizieren, setzten sich bis etwa 1600
erbliche Familiennamen durch. Dagegen sind in
jüdischen Familien Familiennamen erst sehr viel
später eingeführt worden. In Dörfern, wo nur
wenige Juden lebten, war es völlig
ausreichend, sie durch ihren Vornamen zu
unterscheiden. Im Zweifelsfall genügte es,
hinter den Rufnamen einen zweiten Namen zu
setzen, der meist auf den Namen des Vaters
hinwies. Bei "Salomon Levi" handelte es sich
dann um den Juden Salomon, dessen Vater
"Levi" hieß. Manchmal wurde dieser Name ganz
allmählich zum bleibenden, also erblichen
Familiennamen LEVI. So ist die
Namensentwicklung bei den LEVIs in
Rengshausen vermutlich auch gelaufen. Die
Levis waren vom Stamm der Leviten, die nach
dem Alten Testament die Funktion von
Tempeldienern ausgeübt haben.
Die gesetzliche Grundlage dafür schuf
Napoleons Bruder Jérôme, in dem neu
geschaffenen Staat "Königreich Westphalen",
mit Cassel als Hauptstadt. Dieser französische
Satellitenstaat machte die bisher verfolgten
und diskriminierten jüdischen Bewohner zu
gleichberechtigten Staatsbürgern. Sie durften
z. B. von nun an wohnen, wo sie wollten.
Vorher war das Niederlassungsrecht für Juden
an die Verleihung eines Schutzbriefes
gebunden. Das diskriminierende Schutzgeld
entfiel jetzt. Die Juden brauchten nun auch
nicht mehr spezielle Abgaben zu zahlen,
sondern nur noch die Steuern, die von allen
Untertanen geleistet werden mussten.
Das Problem einer Namengesetzgebung kam im
Zusammenhang mit der Emanzipation der Juden
auf. Der Mangel an Familiennamen bei
Registrierungen gab häufig Anlass zu
Verwechslungen. Auch sollten die Juden
rechtlich gleichgestellt werden. Bis dahin
führten sie ja nach jüdischem Brauch den
hebräischen Namen X, Sohn des Y. König
Jérôme zwang sie durch ein Dekret vom 31.
März 1808, feste erbliche Familiennamen
anzunehmen.
Vermutlich haben auch die LEVIs dieses Dekret
zum Anlass genommen, ihren typisch jüdischen
Nachnamen in den unauffälligen Namen
KAUFMANN umzuwandeln. Es ist auch möglich,
dass unser Stammvater Leib Levi in der Zeit
der napoleonischen Herrschaft den Namen
HÖFLICH angenommen hat. Bei der Suche nach
geeigneten Familiennamen wählen manche
auch Namen von Eigenschaften, die zu dem
jüdischen Träger passten. Vermutlich war
HÖFLICH ein höflicher und gut angepasster
Mensch. HÖFLICH als jüdischer Familienname
ist mir vor 1800 nirgendwo begegnet. Nach
1800 auch nur in Nordhessen und in der
Rheinprovinz um Aachen herum. Der Name
"Höflich" ist eher in christlichen Familien
gebräuchlich.