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Projekt: Prof. Dr. Med. Moritz Katzenstein
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Vortrag Prof. Dr. Kurt Franke über Moritz Katzenstein am 11. April 2007

Anlage zum Antrag auf Benennung einer Rotenburger Straße nach Prof. Moritz Katzenstein (1872-1932)

Moritz Katzenstein wurde am 14. August 1872 als Sohn des Kaufmanns Salomon Katzenstein und Bruder von Siegfried Katzenstein (Stadtrat bis 1927) in Rotenburg geboren, wo er aufwuchs und Schüler der höheren Bürgerschule war. Am (humanistischen) Gymnasium in Wiesbaden machte er 1891 das Abitur. Zum Studium der Medizin ging er an die Universitäten in Freiburg und München, wo er 1895 promovierte. Danach zog es ihn nach Berlin zu einem der bekanntesten Chirurgen der damaligen Zeit, Prof. James Israel.

1911 habilitierte sich Katzenstein in Berlin für Chirurgie. Thema seiner Arbeit war „Die Ausbildung eines arteriellen Kollateralkreislaufs der Niere“. Die Professur erhielt er 1913, worüber das Rotenburger Kreisblatt am 30.12.1913 berichtete.

Laut seinem Biographen, dem Berliner Chirurgieprofessor Dr. Kurt Franke, hat er die Gelenkchirurgie um einige originelle Techniken bereichert, die heute noch Anwendung finden.

Moritz Katzenstein war derjenige, der am 7. Februar 1900 erstmals in Deutschland einen abgerissenen Meniskus wieder an seiner Basis annähte, anstatt ihn zu entfernen. Trotz offener Opposition vieler medizinischer Koryphäen propagierte er von nun an dieses Vorgehen.

„Allein diese Refixation gewährleistet nämlich die funktionelle Intaktheit des Kniegelenkes, beugt also einer Arthrose vor.“ So der Katzensteinbiograph Kurt Franke, selbst Professor der Chirurgie in Berlin. „Seitdem endoskopische Operationen am Kniegelenk das gängige Verfahren sind, wissen wir um die Vorteile des Meniskuserhalts, wann immer das möglich ist. Damit lässt sich der Arthrose vorbeugen, die sonst unausweichliche Folge der Meniskusentfernung ist.“ Wegen seiner - heute selbstverständlich - praktizierten Methode wurde er von den damals tonangebenden Chirurgen heftig angegriffen.

Die Behandlung von Gelenkverletzungen bereicherte M. Katzenstein durch weitere originelle Operationstechniken. Er führte Eingriffe durch, die für die damalige Zeit Neuheitswert besaßen. So war er es auch, der am 4. Mai 1907 ein am Schienbeinkopf eines Patienten abgerissenes Kreuzband wieder einfügte.

„Ob die fachlichen Vorbehalte auch in dem damals schon verbreiteten latenten und nicht nur akademischen Antisemitismus eine Ursache hatten, ist durchaus zu vermuten.“ (Kurt Franke)

Seit 1925 befasste er sich mit der Krebsforschung, der auch seine letzte, 1931 verfasste wissenschaftliche Publikation galt. Ein Jahr später wurde er selbst das Opfer der tückischen Krankheit. Er starb, noch nicht sechzigjährig, am 23. März 1932. Die chirurgische Abteilung der Klinik im Friedrichshain in Berlin hatte er bis kurz vor seinem Ableben geleitet.

Moritz Katzenstein starb 10 Monate vor der Machtergreifung der NSDAP. Ihm blieb ein Schicksal erspart, das bald nach seinem Tod über jüdische Bürger, anders Denkende und anders Lebende mit Diskriminierung, Repression und schließlich mit physischer Vernichtung hereinbrach.

Ihm blieb auch erspart, das anhören zu müssen, was bei einem Jahreskongress deutscher Mediziner im April 1933 der Vorsitzende in seiner Eröffnungsrede von den „in Deutschland ansässig gewesenen fremdstämmigen Ärzten“ sagte, die doch viel geleistet hätten „dank dem Zusammenleben mit der deutschen Rasse“.

Die bemerkenswerte Persönlichkeit von Moritz Katzenstein ließ ihn zu einem engen Freund von Albert Einstein in dessen Berliner Zeit werden. Der Nachruf, den Einstein zum ehrenden Gedenken an seinen Freund verfasste, legt darüber Zeugnis ab. Hier ein kurzer Auszug:
„In den 18 Jahren, die ich in Berlin verlebte, standen mir wenige Männer freundschaftlich nahe, am nächsten Professor Katzenstein. Was wir erlebten, erstrebten, erfühlten, wurde da ausgetauscht. Beide empfanden wir es, dass diese Freundschaft nicht nur dadurch beseligend war, dass einer den andern verstand, von ihm bereichert wurde und in ihm die jedem wirklich Lebenden so unentbehrliche Resonanz fand; diese Freundschaft trug auch dazu bei, uns beide gegen das Erleben von außen unabhängiger zu machen, es leichter zu objektivieren. Wenn er – was stets der Fall war – am Morgen einige gefährliche Operationen ausgeführt hatte, erkundigte er sich durch telefonischen Anruf noch nach dem Befinden einiger Patienten, die ihm Sorgen machten; ich merkte, wie nahe ihm die Schicksale gingen, die ihm anvertraut waren.“

Moritz Katzensteins Grabmal steht auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin-Charlottenburg, auf der bekannte Berliner Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe fanden. Eine Initiative der Berliner Chirurgischen Gesellschaft, die Grabstelle als Ehrengrab zu würdigen, fand bislang noch keine Realisierung.