Demütigende Erinnerungen
Fred Speier vor den Niederaulaer Schülerinnen und
Schülern: „Die ersten diskriminierenden Erlebnisse in
der Schule, die Zuspitzung des Boykottaufrufs
jüdischer Geschäfte 1933, die Demütigung und
Ausgrenzung durch den ‚Arierparagraphen’, nach
dem eine Verfolgung gegen Deutsche jüdischen
Glaubens einsetzte und 1935 die Nürnberger
Gesetze, nach denen Juden plötzlich keine
Reichsbürger mehr sein durften. Das alles war für
mich als Jugendlicher nicht zu begreifen.
Die schlimmsten Erinnerungen mit
Handgreiflichkeiten und Verletzungen, wie sie mein
Vater ertragen musste, habe ich nicht unmittelbar
miterleben müssen. Mein Hass heute richtet sich auch
nicht gegen d i e Deutschen, sondern gegen die
Nazis, Hitlers braune Horden, die uns Juden übel
mitgespielt haben. „Aus meiner Verwandtschaft sind
viele in Konzentrationslagern umgebracht worden.
Bei unseren jahrelangen Nachforschungen nach
Beendigung des Krieges 1945 war die Freude
riesengroß, wenn wieder jemand aufgetaucht ist, der
den Holocaust überlebt hatte. Viele Spuren, zu viele,
endeten in Konzentrationslagern. 25 Mitglieder
meiner unmittelbaren Familie sind im Holocaust
umgekommen, davon 5 aus Niederaula und 12 von
Hoof bei Kassel, die anderen waren in der näheren
und weiteren Umgegend verheiratet, bevor sie
deportiert wurden.“
An dieser Stelle, so Heidi Rößing, fragte Fred Speier
die Jugendlichen: „Wer hat einen Großvater, der über
80 Jahre alt ist? Was würden sie von bewaffneten
Jugendlichen denken, die ihren 87 Jahre alten
Großvater mit Schimpf und Schande aus dem Haus
jagen, schlagen und durch den Ort treiben? So
erging es meinem Großvater Wolf Speier in Hoof. Die
jungen Männer kamen aus den Nachbarorten und
versteckten sich hinter der Anonymität, um
hemmungslos alte, wehrlose Menschen zu
demütigen. In meinen Augen große Feiglinge, die
leider nie zur Rechenschaft gezogen wurden.“